AUS DER GESCHICHTE UNSERER PFARREI

 

Erstmals wird Bernhardzell am 31. Oktober 898 urkundlich erwähnt in einem Brief an das Chorherrenstift St. Mangen in St. Gallen, worin der deutsche Kaiser Arnulf die Schenkung von „Pernhartescella“ durch Abt-Bischof Salomon von Konstanz/St. Gallen bestätigte. Die kleine Siedlung am Tannenberg bestand vermutlich (samt einem Gotteshaus) schon früher, wurde aber bedeutsam durch einen Einsiedler namens Bernhard, nach dem sie fortan benannt wurde. Als Abt des Klosters St. Gallen hat er bei einer Kaiserwahl jenen unterstützt, der dann unterlag. So erzwang der neugewählte Kaiser um 890 seine Absetzung und der glücklose Abt zog sich in die dichten Wälder am Tannenberg in eine Einsiedlerklause zurück, bis er 895 starb. Die Chorherren von St. Mangen waren fortan nicht nur Eigentums- und Gerichtherren, sondern auch Seelsorger der Bernhardzeller.

Als die Hunnen 926 mit wilder Gewalt einfielen, bauten die Mönche von St. Gallen am Ufer der Sitter nahe bei Bernhardzell eine Fluchtburg für sich und die zum Kloster gehörende Bevölkerung, die sogenannte „Waldburg“. Aber die in einer Zelle bei St. Mangen freiwillig eingemauerte Einsiedlerin Wiborada blieb in St. Gallen und wurde von den beutegierigen Eroberern umgebracht. Sie wird seither als heilige Martyrin verehrt und mit einer Hellebarde dargestellt – auch im Ortswappen von Bernhardzell.

In den folgenden Jahrhunderten wurde nicht viel in Urkunden über Bernhardzell festgehalten ausser, dass es gelegentlich zu Differenzen kam mit dem Abt von St. Gallen, wenn die Bernhardzeller gegen hohe Steuern protestierten oder sie manchmal gar nicht zahlten.

Die Reformation fand nach 1530 auch hier Eingang durch den damaligen Probst von St. Mangen (und somit auch Pfarrer von Bernhardzell). Von jetzt an wollte St. Mangen nicht mehr weiter für „Bernazel“ sorgen und so mussten diese fortan selbst für einen Seelsorger aufkommen. Aber das Pfarrhaus samt Stall für das Reitpferd des Pfarrers sowie Baum- und Weingarten mit Weideland schenkte ihnen der Fürstabt von St. Gallen 1543 sandte er auch einen seiner Mönche als Pfarrer hierher, um die Leute wieder zum „alten“ Glauben zurückzuholen. Später waren immer Weltpriester als Pfarrei Seelsorger hier tätig. Bis 1588 hielten aber noch manche Bernhardzeller zum neuen „reformierten“ Bekenntnis. Dann aber stellte sie der Fürstabt von St. Gallen als Landesfürst vor die Entscheidung, entweder zu konvertieren oder auszuwandern; nach dem damals allgemein anerkannten Grundsatz: „Wessen Herrschaft, dessen Religion!“ Nun wurde die Kirche wieder für den katholischen Gottesdienst geweiht, da man sie –laut einer Eintragung im Jahrzeitbuch – „zu einer Räuberhöhle gemacht“ habe.

 

Vom 17. bis Mitte des 19. Jahrhunderts kam es immer wieder zu Streitigkeiten wegen des grossen wertvollen Waldeigentums der Bernhardzeller Ortsgemeinde. Diese besitzt heute noch fast 64 Hektaren Wald. Daneben sind auch andere Korporationen sowie Privat-Eigentümer am Bernhardzeller Wald beteiligt. So z.B. auch der Kath. Konfessionsteil des Kantons St. Gallen, dem nach Aufhebung des Klosters St. Gallen 1805 grosse Waldbestände als Erbe der Fürstabtei zugesprochen wurden.

 

Die Kirche von Bernhardzell war und blieb Kern und Zentrum des Dorfes mit seinen verschiedenen Höfen und Weilern. Aber mit der Zeit war die damals rechteckige Kirche samt dem Turm auf der Ostseite altersschwach geworden. Jahrhunderte lang hatte sie ihrer Aufgabe gedient, doch 1775 mussten ihre Aussenmauern mit grossen Balken abgestützt werden. Das Bedürfnis nach einem Neubau war unbestritten. Nur der Turm sollte stehen und die schöne Kanzel erhalten bleiben.

Im Auftrag des Fürstabtes von St. Gallen schlug Pater Iso Walser als Offizial der Gemeinde vor, eine neue Kirche zu bauen, die weitgehend vom Kloster St. Gallen finanziert würde. Nur das Holz für den Kirchenbau sollten die Bernhardzeller zur Verfügung stellen. Obwohl sie es versprochen hatten, verkauften sie vorher noch alles schlagreife Holz aus dem Gemeindewald und als sie ihren Anteil liefern sollten, war einfach kein geeignetes Holz im Wald zu finden. So musste die Fürstabtei das Bauholz für eine rechte Summe bei den einzelnen Bauern zusammen kaufen!

1776 begann der Bau der jetzigen barocken Rundkirche. Nebst dem Kloster trug zum Gelingen des schönen Bauwerkes der damalige Pfarrer Laurenz Sailer viel bei – auch persönlich. Der Vorarlberger Baumeister Johann Ferdinand Beer schlug die runde Bauweise vor wegen des kleinen Bauplatzes innerhalb der zu erhaltenden Friedhofsmauern. Die grosse Kuppel malte der Hofmaler des Erzbischofs von Konstanz, Franz Ludwig Herrmann aus und schildert dabei anschaulich Szenen aus dem Leben des Kirchenpatrons, des hl. Johannes des Täufers. 1779 wurde die neue Kirche geweiht und die Orgel eingerichtet. Die Altäre gestaltete ein Schreiner sowie ein Kunstmaler aus dem st. gallischen Wil im Auftrag von Pfarrer Sailer. Ihre Bilder stellen dar:

-     beim Hochaltar vorne Mitte: Die Kreuzigung Jesu (neueres Bild)

-     beim Seitenaltar rechts: Der hl. Martin (früherer Kirchenpatron)

-     beim Seitenaltar links: Die Gottesmutter Maria schenkt den Rosenkranz dem hl. Dominikus und der hl. Katharina v. Siena

Verschiedene Bilder und Statuen zeigen deutlich die Beziehung zum Kloster St. Gallen: z.B. das Stifterwappen von Fürstabt Beda Angehrn ob dem Hochaltar, die Statuen der heiligen Gallus und Othmar links und rechts vom Hochaltar, das Bild des hl. Karl Borromäus (rechter Seitenaltar oben), die Bilder der hl. Wiborada und des hl. Magnus.

In den Jahren 1955/56 wurde das Bauwerk gründlich restauriert und von verschiedenen späteren Zutaten befreit. Seither gehört die Kirche von Bernhardzell zu den Kunstdenkmälern von nationaler Bedeutung und untersteht der eidgenössischen Denkmalpflege. Damals verlegte man auch die Sakristei von der Südseite auf die Nordseite beim Turm.

1987 wurde die gesamte Kirche einer Aussenrenovation unterzogen und 1995 das Innere von Verschmutzung (durch die Luftheizung und andere Ursachen) gereinigt, sodass die weissen Wände samt den farbenfrohen Bildern wieder neu leuchteten.

Nach einem Brand auf der Orgelempore in der Nacht auf den 14. Januar 2007 wird die Kirche nicht nur gereinigt, sondern einer gründlichen Innenrenovation unterzogen. Die elektrischen, sanitären und anderen Installationen sind nach über 50 Jahren veraltet. Auf Ostern 2009 hin wird unsere schöne Kirche wieder neu erstrahlen und eine neue Orgel erklingen.

Aber Pfarrei ist nicht nur Kirchenbau, sondern lebendige Gemeinschaft glaubender Christen. Zeichen für dieses Leben sind auch Bauwerke, z.B. das Pfarreiheim (mit Kindergarten), das 1979 gebaut wurde. Die massvolle und gelungene Renovation des Pfarr-hauses 1988 ist ebenfalls Ausdruck der Verbundenheit vieler Pfarrei Angehörigen mit der Kirche und ihren Seelsorgern.

1944 eröffnete (auf Einladung von Pfarrer Jakob Gähwiler) die Schwesterngemeinschaft der „Pallottinerinnen“ eine zweite Niederlassung in der Schweiz (neben Nieder-uzwil) im „Wiboradaheim“ nahe der Kirche mit einem Schwesternhaus und einem Kindergarten. 1960 bauten sie das Altersheim „St. Wiborad“ und erweiterten es 1974 mit einem Neubau. In der dortigen Hauskapelle wird auch heute noch täglich der Rosenkranz gebetet und jede Woche eine hl. Messe gefeiert. Bis 1994 führten die Schwestern das Heim mit etwa 40 betagten Pensionärinnen selbst. Doch dann zwang sie der Nachwuchsmangel zum Verkauf des Heimes an die Politische Gemeinde Waldkirch. Seither ist es Alters- und Pflegeheim der Gemeinde Waldkirch-Bernhardzell, in dem hut 50 Heimbewohnerinnen und Heimbewohner ihren Lebensabend verbringen dürfen. Die Ordensgemeinschaft zählt heute nur noch 4 Schwestern, von denen eine die Pflegeabteilung bewohnt. Die 3 anderen haben sich  in die neu eingerichtete Wohnung in der alten Metzgerei beim Restaurant Engel eingemietet. Von dort aus nehmen sie gewisse Seelsorge-Aufgaben wahr.

Der zunehmende Priestermangel wurde auch in Bernhardzell spürbar. War bis 1963 nebst dem Pfarrer noch ein Kaplan im Dorf, gab es nach dem Weggang von Pfarrer Dr. Niklaus Fässler 1987 keinen neuen Pfarrer mehr fürs Dorf. Der Pfarrer von Waldkirch musste als Pfarr-Administrator auch noch Bernhardzell (und Niederwil) übernehmen. In dieser Zeit war es wertvoll, dass ein junger Bernhardzeller als Messmer + Katechet kirchliche Bezugsperson im Dorf wurde. Daneben bezog der Rektor der Klosterschule in St. Gallen ab 1988 auf Weisung des Bischofs Wohnsitz im Bernhardzeller Pfarrhaus, um als ständiger Aushilfs-Seelsorger liturgische und seelsorgliche Dienste zu leisten.

Mit dem Rücktritt von der Leitung der Klosterschule konnte Ende 1996 Rektor Bernhard Gemperli die Aufgabe als (teilamtlichen) Pfarrer von Bernhardzell selbständig übernehmen. Seit seinem Rücktritt im Jahre 2002 ist der Pfarrer von Gossau, Niklaus Popp, auch Pfarradministrator von Bernhardzell. Als Ansprechperson und Seelsorger vor Ort amtet seit April 2004 Diakon Hans Imboden-Baumgartner, der zusammen mit seiner Ehefrau Annaros im Pfarrhaus wohnt. Eingebunden in die Seelsorge-Einheit Gossau wird die Pfarrei Bernhardzell zudem von verschiedenen Priestern betreut.

Aus unserer Pfarrei wurden schon verschiedene Menschen zu einem Dienst in unserer Kirche berufen. Zurzeit sind es folgende:

-     Bischof Christian Krapf in Jequié (Brasilien)

-     Pater Alois Keller (Sallettiner) in Angola

-     Pfarrer Karl Wenzinger in Bazenheid

-     Bruder Jakob Löpfe und Bruder Lukas Heim im Kloster Disentis

In den letzten 30 Jahren seit dem 2. Vatikanischen Konzil erlebte auch Bernhardzell einen Umbruch in der Kirche. Nicht nur die liturgischen Formen im Gottesdienst änderten sich. Mit dem Zuzug neuer Einwohner gab es auch neue Aufgaben für die Seelsorge in der einst stark bäuerlich geprägten Pfarrgemeinde. Die Verbindung der Kinder und Jugendlichen zur Kirche nimmt seit Jahren spürbar ab. Damit sind wir kein Sonderfall, sondern erleben eine Entwicklung verspätet, die anderswo schon in den 70er- und 80er-Jahren eingesetzt hat. Dennoch ist die Kirche in unserem Dorf noch gut eingebetet, was sich an einem Gottesdienstbesuch von immerhin 20-25% ausdrückt.

Erfreulich ist auch die Zahl der Frauen (und einiger Männer), die sich in den pfarreilichen Gruppen engagieren: Eine aktive Frauengemeinschaft, ein erfreulich grosser und aktiver Kirchenchor, eine Ministrantenschar, verschiedene Liturgiegruppen, Pfarrei- und Kirchenverwaltungsrat und viele freiwillige Helferinnen und Helfer, die sich zum Teil sporadisch engagieren.

 

Trotz grosser innerkirchlicher Probleme dürfen wir also mit Zuversicht in die Zukunft blicken und versuchen, hier in Bernhardzell immer neu und immer mehr eine gute Gemeinschaft glaubender Christen zu werden. In ökumenischer Offenheit und zusammen mit den evangelischen Mitchristen versuchen wir, allen in unserem Dorf Lebenden etwas vom Geist Jesu Christi erfahrbar werden zu lassen.